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5/23/23:58 | Wie Bewunderung schadet

Es ist kein Geheimnis, dass viele Künstler ihre Motivation aus einem inneren Schmerz ziehen. Hätte Nietzsche Antidepressiva genommen, hätte die Nachwelt kaum etwas von ihm gehabt (meint Schramm). Das genau gleiche gilt für Chopin. Für sehr viele Schauspieler, wie etwa Jim Carrey, auch. Auch bei mir ist es ein innerer Schmerz, konkret das Gefühl von Unsicherheit durch fehlenden Halt, welcher mich immer wieder dazu treibt, schier endlos zu schreiben oder zu reden und dabei grenzenlos zu grübeln. Ich höre manchmal, dass meine Monologe inspirierend, interessant oder gar erleuchtend seien. Mag sein, dass ich der Nachwelt am meisten Diene, endlose Monologe zu schreiben. Doch Anerkennung prallt an mir ab. Was ich eigentlich brauche, ist Stabilität. Die Worte "Neeein, nicht reden! Leise!" haben mir seelisch besser getan als zig Stunden der Gespräche zuvor. Man kann aber nicht immer haben, was man braucht — und sollte es auch nicht! Was wäre Essen ohne Hunger? Es ist die Mischung, die Diversität, die am Ende das schönste Gesamtwerk abgibt.

Etwas passendes dazu hat übrigens der notorische Hochstapler Gert Postel gesagt. Er ist sich völlig seiner Schwäche bewusst, schnell in eine Rolle zu verfallen, in der ihn andere haben wollen. Und das ist ja das perfide: Leute kommen kaum zu Postel, um seine Abgeklärtheit zu vernehmen, sondern um den sagenhaften Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy zu hören und ihm zuklatschen zu können. Das finde ich schade, denn seine Botschaft ist sehr ernst und wichtig. Leute lieben zur Niederlage vorbestimmte Sieger und besonders Sieger, hinter die sie sich stellen können. Postel hat seine Sehnsucht nach dem Ausleben jener Rolle nicht alleine selbst zu verantworten, er bestreitete einst zwar, man könne Verantwortung mit Krankheitsbegriffen abtreten, ich habe aber neben dieser Haltung ebenfalls die genau gegenteilige inne. Die Gesellschaft hat ihn geradezu gedrängt dazu — und nicht nur ihn, er war nur etwas konsequenter als andere Hochstapler. Ich denke, dass jeder diese Schwäche hat, unter Leid eine Rolle zu spielen, die von einem erwartet wird. Dabei sind wahre Verlierer theoretisch viel interessanter, lehrreicher. Es tut einem zumindest deutlich besser, zur Niederlage zu stehen. Dazu hat George Carlin auch passend gesagt: Heute wird vielen Schülern die wertvolle Erfahrung genommen, als Verlierer ausgelacht zu werden. Heute muss es nurnoch Gewinner geben und der blödeste von allen ist schlimmstenfalls der letzte Sieger. Über was wollte ich nochmal schreiben?