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9/15/6:18 | Verlustangst

Ich fing erst mit etwa 12 Jahren an, mich für bestimmte Personen mehr zu interessieren, als nur mit ihnen spielen zu wollen. "Freunde" waren vorher nur andere Außenseiter, die außer mir niemanden fanden, ich hatte also nie das, was ich als Freund bezeichnen würde. Weil ich vorher viel ausgelacht/ausgegrenzt wurde und die meisten für dämliche Gruppentiere hielt, hatte ich ein extrem negatives Menschenbild. Aus diesen beiden Gründen habe ich nie gelernt, einem Menschen zu vertrauen, mich so zu mögen, wie ich bin. Ich beobachtete, wie andere sich verstellten, um bei anderen beliebter zu sein. Ich schloss daraus, dass direkte/ehrliche Menschen wie ich keine Freunde finden werden, da sie am Markt schlechter dastehen. All dieses hatte Verlustangst zur Folge und den verinnerlichten Zwang, Leute so zu manipulieren, meine Ablehnung gegen die Menschheit zu teilen und mich damit deutlich interessanter zu finden.

Mit Verlustangst stehe ich sicherlich nicht alleine. Sehr viele Leute leiden darunter, auch viele nicht-menschliche, z. B. Hunde, die herzlos oder isolierend behandelt wurden. Diese Angststörung äußert sich vereinfacht darin, dass das bloße Denken daran, eine Bezugsperson verlieren zu können, starke Angst hervorruft, welche sich bei mir stets in Form sehr starker Bauchschmerzen bemerkbar macht. Dazu kommt meistens Herzrasen, Hitzewallung, Zittern und starke Übelkeit. In solchen Situationen bin ich völlig nutzlos und kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Deswegen war ich mittelmäßig in der Schule und musste das Studium abbrechen. Diesen Situationen vorzubeugen bzw. die Belastung anderer damit zu begrenzen, gelingt mir über die Jahre immer besser. Ich hätte schon früh psychologisch behandelt werden sollen, doch falscher Stolz und das Elternhaus haben mich davon abgehalten. Ich bin dennoch stolz darauf, wie vergleichsweise gut ich inzwischen damit umgehen kann!

Zu meinem riesigen Bedauern hat meine Angststörung aber schon mehrere Leute getroffen, manche mehr, manche weniger. In fast allen Fällen soweit hatte dies naheliegenderweise und zugleich ironischerweise den Kontaktabbruch, also den tatsächlichen Verlust zur Folge, was die Angst danach natürlich umso mehr befeuert hat. Dieser Teufelskreis ist bei vielen Angststörungen typisch und berüchtigt.

Ich werde leider nie richtig davon geheilt sein können, da Angststörungen sehr tief sitzen und Angst eine der primitivsten, stärksten Emotionen ist. Ergo werde ich nie jemandem versprechen können, dass ich diese Angst nie wieder haben werde. Um dieser Angst zu entgehen, bilden sich in der Regel zwei weitere Zwänge: 1. Bindungsangst, man versucht also, möglichst wenige Freunde zu haben, um möglichst selten jemanden zu verlieren. 2. Klammern, also der notorische Drang, Freunde irgendwie zu verbauen, einen verlassen zu können. Manche wählen hier berufliche Zusammenarbeit, Familiengründung oder Religion. Skrupellose könnten versuchen, den Bekanntenkreis des Opfers durch Intrige vom Opfer zu trennen, sodass dem Opfer keine Alternative mehr bleibt. Ich bin zwanghaft ehrlich und hätte solches nie getan. Bei mir war es, wie oben schon beschrieben, der Drang, meine Isolation mit dem Gegenüber zu teilen, also das Mitziehen auf eine einsame Insel.

Dass ich diese Angststörung habe, habe ich von Anfang an gewusst. Ich dachte damals aber, dass das so normal ist und andere sich nur besser verstellen können. Nachdem mein einziger und bester Freund nach fast 4 Jahren aus eigener Kraft die Insel verließ und sich zurecht distanzierte, brach meine Welt zusammen. Ich lernte (dummerweise genau ab Beginn des Studiums), dass meine Störung weder normal noch harmlos ist. Obwohl ich inhaltlich die meisten meiner damaligen Haltungen noch gut vertretbar finde, ist mir langsam aber sicher bewusst geworden, dass nicht er falsch lag, sondern ich. Ein paar Monate später hat mir Frau Schumacher des ITSC Lübeck einen Hund vorgestellt, der unter Verlustangst litt. Ich habe davon noch nie gehört, also fragte ich. Die Erklärung kam mir sehr bekannt vor. Seitdem weiß ich, was ich habe. Ich informierte mich sehr viel darüber und das hilft mir bis heute sehr dabei, das Problem klein zu halten, also damit bestmöglich umzugehen.

Schwierig ist noch eine weitere Fragestellung: In wie weit sollte man andere einweihen? Hat man mit jemanden lange zu tun, der auch aufnahmefähig genug ist, kann man ihn mit diesem Thema sehr gut konfrontieren. Ich wäre definitiv dankbar, wenn mir jemand von soetwas erzählen würde und ich damit sein Verhalten differenziert und sauber einordnen kann. Aber was, wenn das Gegenüber entweder geistig (noch) nicht fähig ist, damit um zu gehen, vielleicht sogar wegen eigener Probleme? Oder was tun, wenn das Gegenüber gar nicht genügend an einem interessiert ist, um sich mit etwas derartigem auseinandersetzen zu wollen? Wenn man jemanden gerade kennenlernt, ergreift man doch die Flucht, wenn man erstmal solch einen Papierstapel durchgehen muss, nur um mit jemandem Sozialkontakt einzugehen! Ich denke also, dass hier zwei Dinge helfen können, zum einen die allgemeine Aufklärung der Bevölkerung. Es gibt sicherlich schon gute Bücher und Filme zu dem Thema, auch schon für Kinder. Bei konkreten Tipps muss ich aber passen, ich lese fast keine Bücher und schaue fast keine Filme. Und das zweite ist, auch wenn das etwas traurig klingen könnte, eben nur Freundschaften zu jenen Leuten einzugehen, die auch von vornherein bereit sind, gewisse Hürden zu nehmen, konkret also, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Bei anderen Leuten muss man sich als betroffener dann nun mal verstellen und sich gleichzeitig klar machen, dass wenn man diese Person nicht verlieren will, man diese Person absolut von diesen Ausbrüchen verschonen muss. Ob das klappen kann, weiß ich nicht.

Abschließend möchte ich ganz demütig feststellen, dass nicht nur meine Verlustangst mit mir, aber auch ich mit meiner Verlustangst, bei mir und anderen viel Leid gebracht hat. Und neben Leid naheliegenderweise auch längerfristige Folgen, beispielsweise eine Entwicklungsstörung, falls das Opfer sich in Entwicklung befindet. Mein vorhin erwähnter Freund war, wie ich aber damals auch, in solch einer Phase. Mir ist täglich bewusst, welch schwerwiegenden Schaden die Angststörung bei ihm angerichtet hat und es zählt zu meinen allergrößten Wünschen, dass er sich davon bald oder zumindest irgendwann erholen wird und somit auch zumindest ein Teil meiner Schuldgefühle vergehen können. Ich bitte sowohl ihn, als aber auch andere (die wissen, dass sie gemeint sind), mir zu verzeihen und durch diesen Text hier besser zu verstehen, dass ich ein Getriebener war und bin und definitiv auch ihr engster Verbündeter in dieser Sache in mir zu finden ist!

Doch noch etwas optimistischeres zum Schluss: Ich habe besonders in den letzten Monaten riesige Fortschritte gemacht. Und in den letzten Tagen schon wieder. Ich habe vor etwa einem Jahr jemanden kennengelernt, der ungewöhnlich souverän mit meinem Problem umgehen kann. Er gab mir Ratschläge und nahm mich manchmal auch an die Hand, so dass ich mir auch ohne Abhängigkeit/Klammern schon viel selbst helfen konnte. Ich habe fast gar keine Angst, diese Person zu verlieren, da sie den größten Risikofaktor für Verlust, die Verlustangst selber bzw. deren Auswirkungen, gekonnt übersieht, ignoriert und gleichzeitig deutlich macht, nicht mich zu ignorieren, sondern nur gewisse Tendenzen in mir. Ob ich diese Person irgendwann doch noch verliere oder nicht, ändert nichts daran, auch ihr sehr dankbar zu sein, wie ich es aber allen Freunden gegenüber bin. Mein Menschenbild ist heute ein sehr viel besseres.